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Drei Räder für einen perfekten Tag – die Kindertrikefahrt 2023

An dieser Stelle ab und an über die Exkursionen unseres Chapters zu berichten, hat ein klein wenig davon, Tagebuch zu schreiben. Auf der einen Seite möchte man festhalten, was gewesen ist, um die Ereignisse zu ordnen. Man schreibt es auf, weil man später noch einmal die Seite aufschlagen und sich erinnern möchte, wie es gewesen ist. Um sich dann entweder darüber zu freuen oder sich darüber zu ärgern, wie viel man über die Alltagshektik vergessen hat. Und natürlich schreibt man ein klein bisschen auch das Tagebuch, weil man sich insgeheim wünscht, dass andere es lesen werden. Wenn auch man ein wenig Angst hat, dass sie genau das tun.

So stehe ich heute Abend, an dem meine Erinnerungen noch frisch sind, vor der Frage, wie ich unseren heutigen Tag bei der Unterstützung der „Kindertrikefahrt 2023“ mit den richtigen Worten beschreiben soll. Denn wie soll man das für die Kindertrikefahrt Essen tun? Vielleicht so: Es ist so wunderbar, dass es sie gibt. Und so unerträglich, dass es sie geben muss. 

Die „Rahmengeschichte“ ist schnell erzählt und nachzulesen hier: Im Jahr 2004 fasste Gaby Thomayer den Entschluss, zusammenzuführen, was zusammengehört: Kinder und Dreiräder. Denn ist es nicht so? Jeder, der auf zwei Rädern fährt, hat mit dreien angefangen, und wenn uns das Motorradfahren die schönste Sache der Welt ist, die keinen Sinn macht, wieso schenken wir damit nicht denen mit unseren Maschinen ein Lächeln, denen das Leben dazu keinen Grund gibt? So organisierte sie die erste Kindertrikefahrt für schwerstkranke Kinder im Münchener Umfeld, die darauf nicht beschränkt bleiben sollte, als sie ins Ruhrgebiet zog. Gaby und die, die sich von ihrer Idee haben anstecken lassen, führen so seit 2004 – lediglich unterbrochen von den Corona-Jahren – in jedem Sommer einen Trikerkorso durch das Essener Umland an, den wir seit Jahren begleiten.

Doch das ist nüchterner erzählt als erlebt. Für mich ist es die erste Trikefahrt gewesen. Klar habe ich zugesagt, aber im Vorfeld nicht wirklich gewusst, worauf ich mich einlasse. Denn wer, wie ich, mit dem Konzept „Trike“ nichts mehr verbindet außer einem mehr erfolgreichen als lustigen Film mit Thomas Gottschalk und Mike Krüger („Zwei Nasen tanken Super“ – wer ihn nicht kennt ist der Beleg dafür, dass in den 1980ern nicht nur unvergessliches geschaffen wurde), was soll der auf einer solchen Fahrt?

Der ist allerdings, bei aller Skepsis, schon beeindruckt, wenn er am Sonntagmorgen um zehn Uhr das Essener Axel-Springer Gelände in Essen – Kettwig besucht und vor knapp 100 dieser beeindruckenden Gefährte steht. Da schleicht man als Neuling erst mal über den Platz und erkundet das Material. Überall stehen gut gelaunte Fahrer um ihre Maschinen und beantworten jede Frage bereitwillig und manchmal auch mit mehr Fachwissen, als ich habe, um ihm zu folgen. Alles könnte also sein wie auf einem normalen Motorradtreffpunkt, wenn, ja wenn da nicht ab und an Trauben von kleinen Kindern um uns herum schwirrten, die eins der Trikes als „meins“ okkupieren. Merke: auf der Kindertrikefahrt suchen die Kinder Dich – und nicht umgekehrt. Wonach sie entscheiden? Das wissen sie nur alleine und ist auch nicht wichtig. An der knallbunten Farbe des Materials kann es nicht liegen – denn die Trikeszene ist tatsächlich bunter als das, was wir auf die Straßen bringen.

10:30 Uhr – Mütze gibt den Ordnern letzte Anweisungen für den Korso über das Mikrofon – wenn es für die Kinder ein Vergnügen sein soll, müssen die Erwachsenen sich zurücknehmen, also werden klare Regeln ausgeworfen, an die sich hoffentlich auch alle gehalten haben. Nachdem eine Viertelstunde später Kräfte des Polizeipräsidiums Essen einkehren, um den Korso anzuführen, wird das Gewusel der kleinen Menschen ersetzt durch die Hektik der Großen. Und was soll ich sagen – ich empfinde es jedes mal als einen geradezu magischen Moment, wenn im Vorfeld eines Motorradkorsos hunderte kleinvolumige Zweizylindermaschinen anspringen und die Luft mit dem unvergleichlichen Sound meist japanischer Ingenieurkunst anreichern, bis man irgendwann, nach ein bis zwei Minuten, den Eindruck hat, die Kolben laufen jedenfalls akustisch im Gleichklang. Wenn zu den etwa 100 Maschinen der Begleitmotorräder aber noch einmal ebensoviele Vierzylinder-Motoren auf den Trikes starten, dann wird die 4-Taktsinfonie, die man auf anderen Korsoi hört, dieses mal noch unterlegt durch einen kräftigen Bass – eine perfekte Harmonie.

So fahren sie alle aus dem Teelbruch weg, die knapp 100 Trikes mit ihren kleinen Hauptpersonen, denen die RedKnights, wir und viele, viele Freiwillige an diesem Tag im wahrsten Sinne des Wortes den Weg freiräumen wollen. Ich selbst habe mir das nicht zugetraut und versprochen, mich an den Grill zu stellen. Bei 30 Grad ohne Schatten auch kein Vergnügen, und so gibt eben jeder für die gute Sache, was er kann. Doch ich habe versprochen, Fotos zu machen. Und während sie da alle an mir vorbeifahren und ich den Auslöser betätige, erfasst er mich, dieser Gedanke, den Gaby mit ihrer wunderbaren Idee in viele von uns gesetzt hat: da fahren 100 glückliche Kinder an mir vorbei. Es ist für uns so einfach – warum machen wir nicht mehr davon? Denn ist für uns so einfach.

Während sich der drei- bzw. zweirädrige Bandwurm durch den Essener Süden und dann durch das nördliche Bergische Land windet, schwingen wir Verbliebenen uns auf unsere Maschinen, um auf dem Medion-Gelände in Kray alles für die Mittagspause vorzubereiten. Die Kolleginnen und Kollegen der IPA Essen haben die Versorgung übernommen. Aber wer versorgt – vielen lieben Dank, Ihr guten Menschen – der braucht auch jemanden, der ihm zuarbeitet und Wasser schleppt. Und wenn es kein Wasser gibt, stellst Du dich halt an den Grill und hilfst dort.

Denn da treffen sie dann ein, eineinhalb Stunden später. Hier in Kray wuseln sie alle – groß, klein, gottseidank läuft kein Motor, sonst wäre das Chaos perfekt. Ordnung schaffen die Schlangen am Buffet und am Eiswagen – da kannst Du noch so gut vorbereitet sein, wenn 300 Menschen Hunger haben, muss man auch ein bisschen Geduld haben. Wie schön der Weg hierhin gewesen sein muss, weißt Du, wenn Du über den Platz gehst und in dieselben immer noch glücklichen Gesichter schaust wie bei der Abfahrt. In denen statt der Erwartung bei Fahrtantritt nunmehr die Zufriedenheit darüber gemalt ist, dass die Fahrerinnen und Fahrer auf den Trikes gehalten haben, was versprochen wurde. Danke, Jungs und Mädchen auf Euren Dreirädern. Ihr habt großartiges geleistet.

Damit die Spannung gehalten wird – nichts ist schrecklicher, als die Entzauberung einer Sache, auf die man sich seit Tagen freut – hält der engagierte Zauberkünstler die Meute bei Laune und führt uns Erwachsenen vor seinem jungen Publikum die Magie vor Augen, die Tage wie diesen zu etwas ganz besonderem machen: Wir können zum Mond fliegen und zum Grund des Ozeans tauchen. Wir schaffen es, Sechzylindermotoren zwischen zwei Rädern einzubauen, die mehr Hubraum haben als drei Kleinwagen zusammen. Nimm eins davon weg, und du hast ein Trike.

 

Und wir schaffen es, tödliche Krankheiten zu erkennen und einzusehen, dass alles, was der Mensch erfindet, nichts nutzt, wenn es kein Heilmittel gibt. Aber wenn (er, der gemeint ist, mag mir das verzeihen) ein Typ auf einem Parkplatz mit seiner roten Nase vor seinen Zuschauern so tut, als verzaubere er seinen Koffer, dann ist all das vergessen. Weil seine größte Leistung an diesem Nachmittag darin besteht, sein kleines Publikum für eine halbe Stunde zu verzaubern und uns Erwachsenen zu zeigen, wie nichtig all die Sorgen sind, die wir in der letzten Woche, im letzten Monat und ach, von mir aus schon immer bis hierhin mit uns herumgeschleppt haben. Danke also auch Dir, Du großer Kleinkünstler!

Für mich endet die Kindertrikefahrt schließlich um halb drei, während ich an einem Bauzaun stehe und dem Korso auf seiner Weiterfahrt nachschaue. Die anderen aus dem Chapter begleiten sie auf ihrer zweiten Etappe, zurück nach Kettwig. Ich habe versprochen, beim Aufräumen zu helfen. Denn der Grill ist längst erkaltet und das letzte Würstchen aufgefuttert. Der Zauberer packt seine Sachen und der Eiswagen ist, schon lange geplündert, längst gefahren. Jeder tut halt, was er kann, um einen solchen Tag perfekt zu machen.

 

Wenn es einen Moment gab, ein Tränchen zu verdrücken, dann waren es diese drei Minuten hinter dem Bauzaun. Vom Motorenlärm ist aus dieser Entfernung nichts zu hören. Es ist still um mich und in mir. Bis in mir eine Stimme anhebt: die Organisatoren dieser Veranstaltung tun etwas Großartiges. Ach quatsch, Großartiges: auf einer so bedeutsamen Sache bin ich nur ganz selten in meinem Leben gewesen. Deshalb bin ich im nächsten Jahr in jedem Fall dabei – das ist keine Frage. Keine Pflicht. Sondern etwas, auf das ich mich heute schon freue.

Natürlich war mit der Abfahrt noch nicht alles vorbei - unter anderem trafen wir uns noch in unserem Vereinsheim, um unseren englischen Gästen, die uns begleitet haben, das Gastgeschenk zu übergeben und mit unseren Freunden von der IPA das Polizeimuseum zu zeigen.

Wie lange die Erinnerung in den Kindern an diesen Tag auch immer vorhalten wird – ich weiss es nicht, es werden sicher keine Tage, sondern Wochen sein. Ich jedenfalls habe heute unvergessliche Erinnerungen mitgenommen. Und weil das ja hier auch ein Tagebucheintrag über das Leben mit den BlueKnights XVI ist: auch Euch, liebe Freunde, einen großen Dank dafür, dass wir ein Chapter sind, das bei dieser großartigen Sache helfen darf.

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